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Die perfekte Kabinenansprache: LEA

Aktualisiert: 21. Mai 2023


Der Linebacker verpasst den ersten Tackle.

Der DB springt am zweiten Tackle vorbei.

Der gegnerische Runningback hat nur noch Wiese sich. Wieder sechs Punkte auf der falschen Seite des Scoreboard.


Langer Pass vom eigenen Quarterback. Interception. Pick Six.

Und wieder steigt der Punktestand beim gegnerischen Team.


Der Whitehead nimmt die Pfeife in den Mund und pfeift zur Halbzeit. Das Team joggt mit hängenden Köpfen in die Kabine, die Coaches beraten sich, bevor sie auch in die Kabine gehen.


Die Mannschaft wieder aufbauen


Diese Situation hat mit Sicherheit jeder Trainer schon mal in der ein oder anderen Form erlebt. Der Halbzeitpfiff kommt wie ein Segen, weil gerade gar nichts zusammenläuft. Aber jetzt stehen die Coaches vor einer großen Herausforderung: Wie sollen sie das Team ansprechen, um einen maximalen Effekt für die zweite Spielhälfte zu erzielen?


Auch beim Coaching-Staff sitzt der Frust tief. Der Gameplan hat offensichtlich nicht gegriffen, es kommen individuelle Fehler dazu und Verunsicherung macht sich breit.

Einige, vor allem unerfahrene Trainer lassen diesen Frust jetzt in der Kabine raus.

Persönliche Vorwürfe, individuelle Kritik vor der gesamten Mannschaft, das Aufzählen von Fehlern etc. kommen dann zusammen.

All diese Dinge führen im Zweifel zu noch mehr Frust und Verunsicherung.

Was die Spieler aber jetzt brauchen, ist eine klare, positive Ansprache. Auch wenn der berühmte „Tritt in den Hintern“ immer noch ein vermeintlich probates Mittel zur Motivation ist, ist er noch effektiver, wenn er positiv formuliert wird.


Vorbereitung des Trainers


Da der Coach die Ansprache machen wird, befassen wir uns zunächst mit ihm. Auch Trainer sind Menschen. Auch Trainer kennen Frust und Enttäuschung und auch Trainer haben Emotionen, die bei einem solchen Spielverlauf hochkochen.


Für den Coach ist es wichtig, seine Aktivität auf ein konstruktives Maß zu bringen. Er soll in der Halbzeitpause - die immer zu kurz ist - seine Mannschaft wieder aufbauen, Anpassungen vornehmen und sie auf die zweite Halbzeit einstellen. Das alles gelingt nicht mit einem rasenden Puls.

Schon eine kleine Entspannung hilft, das richtige Aktivitätsniveau zu erreichen. Eine kleine Atemübung, eine Visualisierung oder eine Refokussierung auf die nächsten Minuten sind solche Hilfestellungen.


Atem:


Hände in die Hüften stemmen, so dass man den Bauch fühlen kann. Dreimal tief einatmen und darauf achten, dass die Hände sich bewegen, weil man in den Bauch atmet. Mit drei Atemzügen und 15 Sekunden Zeit kann man sich so direkt in einen ruhigeren Zustand bringen.

Alternativ hilft die 2-auf-1-Atmung. Zweimal einatmen, als würde man die Luft zweimal schlucken und dann einmal ausatmen. Hat einen sofort beruhigenden Effekt auf das angeschlagene Nervensystem.


Visualisierung:


Einfach mal am Spielfeld stehen bleiben und das ganze Setting auf sich wirken lassen. Was will ich in der zweiten Halbzeit erreichen? Was ist dafür notwendig? Wie wird es aussehen, wenn die Spielzüge gelingen? Wie wird es sich für mich als Coach anfühlen?


Refokussierung:


Achtsamkeit. Im Hier und Jetzt sein. Den Abschluss zur ersten Halbzeit finden, die neue als Chance begrüßen. Das Gras genau betrachten; wie grün ist es; wie riecht es? Diese komisch klingenden Ratschläge helfen dem Trainer, sich ganz auf den Augenblick zu konzentrieren und einen Abschluss zur ersten Halbzeit zu finden.


Mit diesem neuen inneren Setting geht es dann in die Kabine.



Das Geschehen in der Kabine


Dort haben die Spieler schon den ersten Teil einer guten Kabinenansprache alleine hinter sich gebracht:


L für Lösen.


Die ersten Minuten der Halbzeitpause haben die Spieler für sich. Sie lösen sich von der ersten Halbzeit. Es werden keine Vorwürfe erheben, keine Fehler analysiert. Der Frust darf einmal rauskommen, wird dann aber mit bestimmten Techniken (bspw. dem Gedankenstopp) beendet und die erste Halbzeit abgehakt. Die negativen Erlebnisse der ersten Halbzeit stehen so dem weiteren Spielverlauf nicht im Weg.


Sobald der Trainer die Kabine betritt, kommt es zum zweiten Punkt der guten Kabinenansprache:


E wie Entspannung.


Mit dem Eintreten des Trainers kehrt Ruhe ein. Die Spieler hatten Zeit, ihren Frust rauszulassen, jetzt geht es darum, wieder ein gutes Aktivierungsniveau zu erreichen.

Dazu eignen sich schnell wirkende Entspannungstechniken, wie das Atmen, Musik oder Düfte. Je nach Alter, Erfahrung und Zusammenstellung der Mannschaft kann der Trainer diesen Part anleiten. Sein Erscheinen kann aber auch einfach als Signal gesehen werden, dass die Spieler jetzt zur Entspannungstechnik übergehen.

Ganz wichtig an dieser Stelle: Es geht nicht darum, die Spieler ruhig und komplett entspannt werden zu lassen. Nach einer schlechten ersten Halbzeit sind die meisten Spieler aber deutlich zu aktiviert und müssen sich erstmal regulieren, um im Anschluss eine vernünftige Leistung zeigen zu können.

Dabei helfen die schnell wirkenden Entspannungstechniken.


Mit dem dritten Teil der guten Kabinenansprache wird dann auch der Trainer aktiv:


A wie Aktivieren.


Nachdem die Spieler sich auf ein gutes Niveau reguliert haben, ist es die Aufgabe des Trainers, die Mannschaft auf die zweite Halbzeit vorzubereiten.

An dieser Stelle sollte eine Fehleranalyse vermieden werden. Diese muss gemacht werden – aber erst in der Woche nach dem Spiel. Die Spieler wissen meist sehr genau, was sie falsch gemacht haben und müssen nicht noch einmal daran erinnert werden. Die Vorbereitung auf die zweite Halbzeit gelingt nicht über einen Blick in die Vergangenheit.


Zur Aktivierung kann man einen kleinen Trick anwenden, der aber einen großen Effekt hat. Anstatt mit den Spielern über ein Feedback in der ersten Halbzeit zu verweilen, arbeitet man mit Feed-Forward und geht so die zweite Halbzeit an.

Das Grundprinzip ist dasselbe. Der Coach hat die Schwachstellen der ersten Halbzeit im Kopf. Aber anstatt diese anzusprechen, führt er aus, was die Spieler in der zweiten Halbzeit anders machen sollen. Er gibt ihnen einen Ausblick, was passieren wird, keine Analyse, was schlecht lief. Im Kopf des Spielers ist das ein riesiger Unterschied. Denn er wird nicht an seine Fehler erinnert, sondern bekommt ein Bild („Visualisierung“), wie er in der zweiten Halbzeit gute Aktionen machen wird.


Der Fokus liegt somit auf der positiven Verstärkung. Den Spielern wird ein Gefühl von Vertrauen und dem Glauben an die Mannschaft vermittelt. Bei unsicheren Spielern empfiehlt es sich, sie beim Verlassen der Kabine noch einmal persönlich an ihre guten Aktionen zu erinnern und ihnen so den Glauben an sich selbst mitzugeben.


Am Ende einer guten Kabinenansprache sollen die Spieler motiviert sein, die erste Halbzeit abgehakt haben und genau wissen, was sie tun müssen, um in der zweiten Halbzeit zu punkten oder das Spiel noch zu gewinnen.

Dieses Vorgehen funktioniert natürlich auch bei einer guten ersten Halbzeit. Auch hier ist es wichtig, den Fokus auf die zweite Halbzeit zu legen, denn sonst gibt man das Spiel noch aus der Hand.


Take Home Message


Das LEA-Prinzip der guten Halbzeitansprache basiert auf drei Säulen:


Lösen

Entspannung

Aktivieren


Die Botschaften sollen klar und deutlich, aber produktiv und auf die Zukunft ausgerichtet sein. Den Spielern muss vermittelt werden, was sie wie besser machen müssen; nicht, was sie vorher falsch gemacht haben.


Dem Coach gelingt dies am besten, wenn er sich vorher selbst in einen entsprechenden State of Mind gebracht hat. Dafür eignen sich Atemübungen, Visualisierungen und Refokussierungen.


Wie bei allen Dingen, in denen man gut werden will, gilt auch hier: Übung macht den Meister. Um den Effekt von Lösen und Entspannung zu optimieren, sollte dieses Ritual in jedem Spiel, Freundschaftsspiel, Scrimmage etc. geübt werden. Je nach Häufigkeit und Gestaltung der Trainingseinheiten kann das „Üben“ der Halbzeitpause auch ins Training integriert werden - dann gerne auch in Kurzform.


Bildquelle: Canva

Text und Inhalt: Stephan Hütter



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